Start » Handlungsempfehlungen » Psychopharmaka - weiterführende Empfehlungen

Aufnahme in ihre Einrichtung

Wenn Sie eine zu Pflegende oder einen zu Pflegenden neu in Ihre ambulante oder stationäre Pflege aufnehmen, wird die Anamnese/Biographie erhoben. In diesem Kontext fragen Sie nach Ernährungs- und Trinkgewohnheiten und natürlich auch nach den Medikamenten, die eingenommen werden müssen. Ein hohes suchterzeugendes Potential weisen dabei insbesondere die Schlaf- und Beruhigungsmittel auf. Dies können zum einen Benzodiazepine sein, z.B. Diazepam, Oxazepam oder Lorazepam, oder sogenannte Z-Substanzen, wie z.B. Zoplidem, Zopiclom oder Zaleplon. Bei der Einnahme von Benzodiazepinen besteht ein klares Abhängigkeitspotential schon nach 8 Wochen Einnahme in therapeutischen Dosen. Bei fortgesetztem Missbrauch von Benzodiazepinen oder Z-Substanzen kann es zu Zittern, Schwindel, Ängsten, Depressionen, Stimmungsschwankungen, Gereiztheit, Gewichtsverlust, Aggressivität, Vernachlässigung der Körperhygiene, Schlafstörungen, Konzentrationsproblemen, Verwirrtheit sowie Persönlichkeitsveränderungen kommen. Es besteht eine erhöhte Sturz- und Unfallgefahr. Die genannten Nebenwirkungen können als typische Alterssymptome fehlgedeutet werden. Auch können Entzugssymptome, die physiologisch bedingt bei einer reduzierten oder ausgesetzten Medikamentengabe auftreten, als Bestätigung der Notwendigkeit der Einnahme missgedeutet werden („Rebound-Effekt“).“

Sollten Ihre zu Pflegenden Psychopharmaka (Benzodiazepine, Z-Substanzen, Neuroleptika, Antidepressiva) einnehmen, klären Sie ab, seit wann und mit welcher Indikation und sprechen Sie mit der verordnenden Ärztin oder dem verordnenden Arzt. Neuroleptika werden hauptsächlich zur Behandlung von Psychosen mit Wahn und Halluzinationen eingesetzt, dienen aber auch der Ruhigstellung akut verwirrter Patientinnen und Patienten und der Behandlung von wahnhaften Depressionen. Neuroleptika sind z.B. Haloperidol, Flupentixol, Promethazin, Risperidon oder Clozapin. Antidepressiva werden bei der Behandlung von Depressionen, Angsterkrankungen und Zwangsstörungen eingesetzt und wirken stimmungsaufhellend, angstlösend und beruhigend. Antidepressiva sind z.B. Amitriptylin, Doxepin, Clomipramin, Citalopram oder Sertralin.

Wahrnehmen – Dokumentieren - Austausch

Die Ursachen einer Medikamentenabhängigkeit sind vielfältig, Anlass kann in manchen Fällen eine schwierige Lebenssituation sein, wie der Tod eines nahen Angehörigen, Arbeitslosigkeit oder Stress. Bestimmte Lebensphasen haben ebenfalls ein gewisses Gefährdungspotential, wie die Wechseljahre oder die Berentung. Die Betroffenen benötigen „etwas zum Einschlafen“ oder „etwas, das Ängste nimmt“. Gerade ältere Menschen laufen aufgrund zunehmender körperlicher Beschwerden und Schmerzen und der damit einhergehenden psychischen Belastung Gefahr, immer tiefer in einen Suchtkreislauf aus Schlaf-, Beruhigungs- und/oder Schmerzmitteln zu geraten. Auch chronische Krankheiten, die eine regelmäßige Einnahme z.B. von Schmerzmitteln erforderlich machen, können zum missbräuchlichen Medikamentenkonsum führen.

Das Verordnen von Medikamenten ist grundsätzliche Aufgabe der Ärzte und die Einnahme von Psychopharmaka bedeutet nicht automatisch, dass sich ein Handlungsbedarf ergibt. Um die im Pflegealltag wahrgenommenen Veränderungen schnell zu dokumentieren, können Sie den Beobachtungsbogen benutzen. Auch leere Medikamentenpackungen, deren Verordnung sie nicht einordnen können oder die Sorge der zu Pflegenden darum, dass immer genügend Schlaf- oder Beruhigungsmittel zur Verfügung stehen, können Hinweise auf eine Abhängigkeit sein. Diese Auffälligkeiten können aber auch auf andere Ursachen hindeuten. Füllen Sie die Medikamentenliste aus und gleichen Sie diese mit der Priscus-Liste ab. Denken Sie immer auch an einen zusätzlichen Alkoholkonsum.

Nehmen Sie sich Zeit für einen kollektiven Austausch, da an der Pflege und Betreuung der zu Pflegenden immer mehrere Mitarbeitende beteiligt sind. Wichtig ist, dass sie als „Team“ reagieren und handeln und die behandelnden Ärztinnen und Ärzte über Ihre Wahrnehmungen informieren.

Achtung!
Sollten Sie den Eindruck haben, dass zu Pflegende Benzodiazepine missbrauchen oder davon abhängig sind, dürfen Sie diese auf keinen Fall abrupt entziehen. Sie bringen die Betroffenen damit unter Umständen in Lebensgefahr!

Risikoeinschätzung

Eine Analyse, ob das beobachtbare Verhalten mit einem erheblichen Risiko für die Gesundheit der Patienten einhergeht oder die subjektiv erlebte und objektiv beobachtbare Lebensqualität negativ beeinflusst, sollte erfolgen und mit der Ärztin oder dem Arzt besprochen werden. Ein vollständiges Absetzen von Psychopharmaka ist bei Hochbetagten und Pflegebedürftigen kein vorrangiges Ziel, vielmehr werden die Verbesserung der Lebensqualität und die Senkung von vorwiegend gesundheitlichen Risiken durch eine Reduktion der Dosis oder Umstellung auf ein anderes Medikament angestrebt.

Für die Ärztin oder den Arzt stehen folgende Fragen im Vordergrund:

  • Sind unter Berücksichtigung der körperlichen Verfassung nachteilige Folgen des Entzugs zu erwarten?
  • Ist ein Nutzen vom Entzug zu erwarten?
  • Liegen aktuell auf die Einnahme von Benzodiazepinen oder Z-Substanzen zurückführbare Beeinträchtigungen vor?
  • Wie lang ist die verbleibende Lebensspanne voraussichtlich?
  • Tragen die Angehörigen und / oder Betreuer den Entzug mit?

Intervention

Vielen Betroffenen hilft es, auf die eigene Problematik angesprochen zu werden. Für die Betroffenen ist die Erkenntnis wichtig, dass ihr Suchtmittel durch eine gesteigerte Lebensqualität ersetzt wird. Widerstände sind jedoch häufig anzutreffen. Diese sind auszuhalten und die Eigenverantwortung zu respektieren. Es lohnt sich aber, wiederholte Versuche zu starten. Manchmal hilft es auch, über die Probleme, die mit der Einnahme von Psychopharmaka im Alter verbunden sind, aufzuklären. Bei der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) können Sie kostenlos Informationsmaterial für die Patienten, aber auch für sich selbst beziehen (www.dhs.de).

Das Modell der Aktivitäten und existentiellen Erfahrungen (AEDL) nach M. Krohwinkel gibt Ihnen Hinweise darauf, welche Pflegeziele durch Suchterkrankungen beeinträchtigt sind.

Es hilft den Betroffenen und entlastet Sie, wenn Sie sich (telefonisch und anonymisiert) in einer Suchtberatung beraten lassen. Wenn die oder der zu Pflegende schriftlich zustimmt, können Sie einen Kontakt zur Suchthilfe herstellen. Dann können Sie die suchtspezifische Beratung und Behandlung in die Hände von dafür ausgebildeten Fachkräften legen. In Absprache mit der Ärztin oder dem Arzt, der Suchthilfe und den Betroffenen vereinbaren Sie ein gemeinsames Vorgehen.

Überlegen Sie selbst, welche nicht-pharmakologischen Maßnahmen Sie ergreifen können, um z.B. eine Reduktion oder Medikamentenumstellung zu begleiten, z.B. Bewegungsförderung oder Hilfe bei der Gestaltung der freien Zeit entsprechend der Interessen der zu Pflegenden.

Manche Menschen können und wollen im Alter trotz deutlicher körperlicher oder psychischer Nebenwirkungen auf die Einnahme von Psychopharmaka nicht verzichten. Dies ist zu respektieren.

Den Ablaufplan bei Verdacht auf einen Missbrauch von Psychopharmaka finden Sie hier!





Dokumente zum Download

Ablaufplan